Des hat a Gschmäckle

Das beschreibt momentan ganz gut meine Wahrnehmung, wenn ich esse. Ich habe meinen Geruchssinn verloren und das wirkt sich natürlich auch auf den Geschmack von Essen aus. Es dauerte eine Weile bis ich es gemerkt habe, denn wir riechen die meiste Zeit nichts im Gegensatz zu unseren Hunden, die nie nichts riechen ähnlich wie wir immer irgendetwas sehen, sofern es hell ist. Wie anders nehme ich die Welt im Vergleich zu meinem Hund derzeit wahr! Das Essen war nicht komplett geschmacklos, sondern einfach fad. Ich merkte, dass mir beim Essen ziemlich schnell der Appetit und die Lust am Essen verging. Dieser Zustand dauert nun schon 10 Tage und es beeinträchtigt meine Laune, denn ich spüre weniger Lebenslust. Trotz allem bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung und ich habe mich zuvor oft gefragt, wie es sich wohl anfühlt, wenn man nichts schmeckt. Es gibt Erfahrungen, für die können wir uns nicht aus freien Stücken entscheiden. Meistens hält uns die Angst davon ab, gewisse Erfahrungen zu machen. Manchmal konfrontiert uns das Leben mit Erfahrungen, für die wir uns nie selbst entschieden hätten.

Alles einerlei

Mein momentaner Zustand ist einer Depression sehr ähnlich, wenn alles fad ist, die angenehmen als auch die unangenehmen Erfahrungen. Alles ist unspektakulär und austauschbar. Ein Trauma betäubt in ähnlicher Weise die Wahrnehmung um die Wucht unangenehmer Erfahrungen abzufedern. Gleichzeitig ist auch die positive Wahrnehmung betäubt.

Was bringt mir das beste Essen, wenn ich es nicht schmecken und genießen kann? Der morgendliche Kaffeeduft ist weg, obwohl ausreichend Kaffee da ist. Diese neue Erfahrung macht es für mich sehr eindrücklich spürbar, wie viel wertvoller es ist mit allen Sinnen das wahrzunehmen, was da ist anstatt alles zu haben. Jeder würde sich dafür entscheiden, nicht jeden Tag Kaffee zu haben, dafür den Duft zu riechen und den Geschmack voll zu schmecken, wenn er da ist, oder? Zudem schmeckt der Kaffee in unserer Wahrnehmung noch besser, wenn er mal knapp oder nicht vorhanden war. Ich erinnere mich noch an den Geschmack der ersten Marmeladensemmel nach meiner Fastenwoche! Unvergleichbar! Unsere Sinne zu trainieren und zu sensibilisieren ist für unser Wohlbefinden und unsere Lebenslust essenziell. Kurzfristiger Verzicht ist eine Möglichkeit, achtsames und bewusstes Essen ohne Ablenkung etwas, das wir jeden Tag praktizieren können. Sind wir beim Essen mit Sehen und Hören beschäftigt, wenn wir beispielsweise einen Film schauen, können wir uns nicht voll und ganz auf den Geschmack des Essens konzentrieren. Das Gegenprogramm hierzu ist Essen mit verbundenen Augen, ebenfalls eine sehr aufschlussreiche Erfahrung!

Sinn und Sinne des Lebens

Ich mache gerade sehr deutlich die Erfahrung, wie der Sinn des Lebens mit unseren Sinnen zusammenhängt und kann mir so gut vorstellen, dass Menschen in eine tiefe Depression fallen, wenn sie ihren Geschmackssinn dauerhaft verloren haben. Bisher war der Geschmackssinn etwas, das immer da war in meinem Leben, also nichts Besonderes für das man dankbar sein müsste. Das hat sich nun geändert. Ich bin schon gespannt, ob der Geschmack schleichend wiederkommt oder ob das Essen an einem Tag plötzlich so gut schmeckt wie damals nach der Fastenkur.

Corona hat ja einige positive Kollateraleffekte für uns gebracht, wenn man an Umwelt, Entschleunigung und Stille denkt. Dass es uns vorübergehend den Geschmackssinn nimmt – was nicht gerade positiv ist – finde ich doch sehr bezeichnend. Eine Gesellschaft, die so abgestumpft in ihren Sinnen und Gefühlen ist und gleichzeitig die Erfüllung im Konsum und kulinarischen Genüssen sucht, wird nun von einem Virus an der Nase herum geführt.

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