Sollbruchstelle als Überlebensstrategie? Wieviel Reptil haben wir noch in uns?

Eidechse ohne Schwanz Stummelschwanz Überlebensstrategie

Neulich habe ich im Zusammenhang mit einer Krankheitsgeschichte das Wort „Sollbruchstelle“ gehört. Der Mensch, der mir gerade seine Krankheitskarriere schilderte, ging also im Ernst davon aus, dass er mit diesem fehlerhaften Körper auf die Welt gekommen ist und es sozusagen vorherbestimmt war, dass er in einem gewissen Alter Probleme mit dem jeweiligen Organ bekommen würde. Also genauso wie es bei unseren Elektrogeräten der Fall ist. Ganz egal, wie sorgsam du mit dem Gerät umgehst, wie sehr du es pflegst, kurz nach Ablauf der Garantiezeit geht das Gerät kaputt an der Stelle, die vorher so gebaut wurde, dass das unweigerlich nach vielleicht 2 Jahren passieren muss. Das nennt man Sollbruchstelle.

Solllebenszeit statt Sollbruchstelle

Heute habe ich im Garten eine kleine Eidechse mit Stummelschwanz gesehen. Wenn diese kleinen Tiere von meinem Hund in die Enge getrieben werden und keinen Ausweg mehr sehen, werfen sie blitzschnell ihren Schwanz ab, der sich noch weiterbewegt, so dass mein Hund für eine Sekunde auf die falsche Fährte gelockt wird, genug Zeit für das schwanzlose Reptil sich in Sicherheit zu begeben. Das ist eine Sollbruchstelle, dachte ich mir dabei. Wir Menschen haben hingegen keine Sollbruchstelle. Wir kommen mit einer körperlichen Hülle auf die Welt, die locker 140 Jahre durchhalten könnte, unsere Solllebenszeit beträgt also 140 Jahre.

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Du bist der Komponist deines Lebens

Inzwischen lässt es sich wissenschaftlich und medizinisch erklären, dass Gene nicht über spätere Krankheiten entscheiden. Wer dies nachlesen möchte inklusive medizinischer Erklärung, dem sei das Buch „Mein Körper, mein Trauma, mein Ich“ von Franz Ruppert empfohlen. Epigenetik ist mir schon länger ein Begriff. Sie bezeichnet die Vererbung von Merkmalen, die nicht im Genom festgelegt sind, sondern auf einer übergeordneten (epi = darauf, darüber) Ebene zu finden sind und trotzdem vererbt werden können. Im Buch von Franz Ruppert habe ich nun eine so einleuchtende Beschreibung von Epigenetik gelesen, die geradezu revolutionär ist, denn sie liefert eine medizinische Erklärung für die Verbindung von Körper und Seele auf eine sehr anschauliche Art. Alles wird in unserem Körper durch chemische Prozesse gesteuert, Gefühle entstehen durch die Ausschüttung von Hormonen und Botenstoffen auf körperlicher Ebene.

Der Körper trägt die Wucht des Traumas

Franz Ruppert vergleicht das Genom mit einem Buch, in dem bestimmte Stellen farbig markiert werden. Gelesen werden nur die markierten Stellen, der Rest spielt keine Rolle. Die farbigen Markierungen entsprechen in unserem Körper DNA-Methylierungen. Das sind Eiweißstrukturen oder andere chemische Substanzen, die die DNA umgeben und sie damit einerseits schützen, aber auch die darin vorhandene Information verändern können. Sie haben unmittelbar Auswirkung auf die Genexpression, indem sie Gene hoch- oder runterregulieren bzw. an- oder abschalten. Das Genom ist also vielmehr ein Angebotskatalog, was ich davon auswähle, entscheide ich, denn alles, was ich denke, fühle oder tue, hat eine körperliche Auswirkung!

Auch Joachim Bauer beschreibt dies sehr schön in seinem Buch „Wie wir werden, wer wir sind“, indem er unseren Genpool mit der Tastatur eines Klaviers vergleicht. Wir entscheiden, welche Tasten wir spielen und dementsprechend treten Krankheiten ein Leben lang nicht in Erscheinung, obwohl eine genetische Disposition dafür vorhanden ist.

Psychische Gesundheit führt also einerseits dazu, dass genetisch disponierte Krankheiten nicht ausbrechen. Andererseits hat ein nicht bearbeitetes Trauma sehr oft schwere körperliche Erkrankungen zur Folge, für die es nicht einmal eine genetische Disposition braucht.

Überlebensstrategie

Wenn ich genau darüber nachdenke, haben wir die gleiche Überlebensstrategie wie ein Reptil, sogar die Totstellstrategie haben wir in abgewandelter Form übernommen, wir haben schließlich noch das Reptiliengehirn als ältesten Hirnteil. Jeder von uns kam in den ersten Lebensjahren emotional oder sogar körperlich in Gefahr. An dieser Stelle haben wir eine Überlebensstrategie entwickelt, indem wir gewisse Gefühle abgespalten oder abgeworfen haben wie die Eidechse ihren Schwanz. Die Eidechse hat den Vorteil, dass der Schwanz automatisch wieder nachwächst. Wir halten hingegen hartnäckig an unserer Überlebensstrategie fest, weil sie uns damals das Leben gerettet hat. Faktisch behindern wir uns damit selbst und laufen mit einem Handicap durchs Leben. Es ist fast so als würde die Eidechse den Schwanz jedes Mal wieder abwerfen, sobald er nachgewachsen ist, weil sie sich permanent in Gefahr fühlt und demnach immer ohne Schwanz durch das Leben geht. Bei wirklicher Gefahr wäre sie demnach ungeschützt.

In Stein gemeißelt?

In meinem Umfeld gab es schon hin und wieder die Diagnose einer Erbkrankheit, woraufhin die Blutsverwandten vor der Entscheidung standen, sich selbst auf diese Erbkrankheit testen zu lassen. Damals habe ich für mich selbst auch überlegt, ob ich mich an deren Stelle testen lassen würde. Mein Gefühl sagte eher nein, sicher war ich mir allerdings nicht und ich dachte mir, dass es darauf ankommt, wie man sich in der Situation fühlt. Wenn man sich permanent sorgt, bringt eventuell sogar ein positives Testergebnis eine Erleichterung durch die Gewissheit. Seit letztem Jahr habe ich die Klarheit, dass so ein Testergebnis für mich keinerlei Rolle spielen würde, denn seither weiß ich, dass ich selbst meine Gesundheit bestimme und kein genetischer Test. Früher bedeutete genetisch für mich so viel wie in Stein gemeißelt. Heute sehe ich das komplett anders. Meine genetische Disposition gibt lediglich vor, welche der vielen Erbkrankheiten ich bekommen kann, ob ich sie bekomme, steht auf einem ganz anderen Blatt.

Dein Kopf ist nicht in Stein gemeißelt

Nicht einmal phänotypische Merkmale, also das Aussehen, sind für mich vorgegeben. Sicherlich haben manche von Geburt dunkle Haare, helle Augen und umgekehrt. Gesicht, Haar- und Augenfarbe hängen von natürlichen Pigmenten ab, dem Melanin. Die Melaninkonzentration ist in unserem Genom vorgegeben. Babys kommen mit blauen Augen zur Welt und erst nach ein paar Monaten steigt die Melaninproduktion entsprechend der genetischen Disposition. Es kommt vor, dass sich die Augenfarbe im Laufe des Lebens noch ändert, meistens in älteren Jahren. Wenn helle Augen viel Sonne ausgesetzt waren, werden sie mit der Zeit dunkler. Der Körper ist anpassungsfähig. Dass sich die Haarfarbe ändert, ist für uns schon geläufiger, spätestens im Alter, wenn die Haare grau werden. Es gibt aber auch Fälle, in denen Menschen nach einem emotionalen Schock innerhalb weniger Stunden komplett ergrauen. Das zeigt sehr bildlich wie die Psyche mit unserem Körper und letztendlich unserem äußeren Erscheinungsbild verbunden ist. Von Gesichtlesern weiß ich, dass sich selbst Nasen- und Kopfform bei erwachsenen Menschen noch ändern können. Die Kopfform sagt sehr viel über Charakter und Eigenschaften eines Menschen aus. Demzufolge ist es eigentlich klar, dass sich das Gesicht ändert, wenn sich die Eigenschaften des Menschen ändern.

Es soll sogar möglich sein mit mentaler Kraft seine Augenfarbe zu ändern, was als Biokinese bezeichnet wird.

Die entscheidende Botschaft dieses Beitrags soll sein: Wir haben das Ruder in unserer Hand und können es jederzeit rumreißen unabhängig von genetischen Dispositionen und körperlichen Merkmalen.

Es ist der Geist, der sich den Körper baut.

Friedrich Schiller, Dichter und Arzt

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